Offener Brief an die Träger der Wohnungslosenhilfe

Anfang April haben wir einen Brief mit unseren Forderungen an den Fonds Soziales Wien und den zuständiger Stadtrat für Gesundheit, Soziales und Sport in der Wiener Stadtregierung geschickt.

Nun haben wir den Brief in leicht abgeänderter Form auch an die Trägerorganisationen der Wiener Wohnungslosenhilfe und Obdach Wien geschickt:

An die privaten Trägerorganisationen der Wiener Wohnungslosenhilfe und Obdach Wien

Wir, die Basismitarbeiter*innen der Winternot- und Wohnungslosenhilfe, haben viel über unsere Arbeitserfahrungen in der Wohnungslosenhilfe und die konkreten Missstände in den Notquartieren nachgedacht. Wir erkennen an, dass viele Menschen an der Verbesserung der Situation sowie gegen deren Verschlechterung arbeiten. Dennoch sehen wir, die wir täglich im direkten Kontakt mit den von Armut betroffenen Menschen in unserer Gesellschaft stehen, akuten Handlungsbedarf.

In diesem Schreiben möchten wir zu den aktuellen Entwicklungen Stellung beziehen und richten unsere Forderungen an unsere Trägerorganisationen, den verantwortlichen Fördergeber sowie die politisch Verantwortlichen. Im Folgenden eine Darstellung der Problematik und unsere Forderungen nach konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Situation.

Ganzjährige Notquartiere für alle!

Zu den Chancenhäusern

Anlässlich der aktuellen Pläne, das Angebot der Notquartiere gänzlich zu streichen und durch Chancenhäuser zu ersetzen, möchten wir Folgendes festhalten: Wir erkennen den Nutzen der Chancenhäuser für die Bewohner*innen, da sie eine Brücke zwischen niederschwelligen und höherschwelligen Einrichtungen – wie betreutes Wohnen – bilden.

Schon jetzt beobachten wir allerdings Probleme bei der Umstellung von Notquartieren auf Chancenhäuser. Immer mehr anspruchsberechtigte Personen kommen in die Notquartiere – zum Beispiel, weil sie in den Chancenhäusern keinen Platz bekommen oder Hausverbote haben.

Die Transformation aller Notquartiere zu Chancenhäusern würde die Realität ignorieren. Sie führt zur Ausgrenzung von Personengruppen und somit zur Verfestigung akuter Obdachlosigkeit.

Aus unserem Arbeitsalltag heraus stellen wir fest, dass viele Menschen Schwierigkeiten mit den Strukturen höherschwelliger Einrichtungen haben. Niederschwellige Notquartiere und Chancenhäuser ergänzen einander – keinesfalls kann das eine Angebot das andere ersetzen.

Daher fordern wir:

  • Den Ausbau des Angebots der Winternotquartiere zu einem ganzjährigen Angebot für alle Personengruppen

Frauenplätze und Angebote für Transpersonen

Notquartiere für nicht-anspruchsberechtigte Frauen fallen im Sommer komplett weg. Hier möchten wir auf die besondere Lage von obdachlosen Frauen hinweisen: Obwohl die meisten Notquartiere nicht so konzipiert sind, werden solche Einrichtungen von einigen unserer Nächtigerinnen als Schutzraum genutzt. Dies betrifft zum Beispiel schwangere Frauen oder Frauen, die gerade versuchen, aus Gewaltdynamiken auszubrechen.

Die binäre Geschlechtertrennung der Notquartiere stellt für Transpersonen oftmals ein Problem dar. Sie sind immer wieder von Ausschluss betroffen oder sind unsicheren Situationen ausgesetzt, da kein angemessenes Angebot zur Verfügung steht.

Daher fordern wir:

  • Ganzjährige Notquartiere für alle Frauen

  • Angemessene und sichere Angebote für Transpersonen

Barrierefreiheit

Die Barrierefreiheit der Häuser ist oft nicht gewährleistet, was eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung darstellt und Familien mit Kleinkindern den Alltag erschwert. Wir spüren die Nicht-Investitionen in diesem Bereich am eigenen Leib, wenn wir eingeschränkt mobile Menschen über Stufen und Stockwerke ins Notquartier hieven müssen – eine für unsere Klient*innen oftmals demütigende und Autonomie beschränkende Situation.

In Winternotquartieren betreuen wir psychisch und physisch beeinträchtigte Menschen, deren Unterstützungs- und Pflegebedarf unser Angebot weit übersteigt. Wir erleben eine fahrlässige Ressourcenknappheit in der Betreuung psychisch und physisch beeinträchtigter Menschen.

Daher fordern wir:

  • Den Ausbau der Häuser, um einen barrierefreien Zugang zu den Einrichtungen zu gewährleisten

  • Zugang zu Pflege und fachgerechter medizinischer Betreuung

  • Mehr erstsprachige medizinische und psychosoziale Angebote im niederschwelligen Bereich

Wohnverhältnisse

Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Rückzugsmöglichkeiten, Privatsphäre und Intimität. Die Nächtigungsverhältnisse, insbesondere die Unterbringung in Mehrbettzimmern, wird den menschlichen Grundbedürfnissen und würdigen Lebensbedingungen nicht gerecht.

Konflikte, die in Mehrbettzimmern und Schlafsälen entstehen, wären in kleineren Zimmern oft vermeidbar – und damit auch die sich daraus ergebenden Sanktionierungen wie Hausverbote.
Sexualität und Intimität sind durch den Ausschluss wohnungsloser Menschen von privatem Wohnraum kaum oder nicht lebbar.

Daher fordern wir:

  • Mehr Einzel-, Zweier- und Paarzimmer in Notquartieren

Nahrungsversorgung

Das einseitige Essensangebot in den Notquartieren ist entmündigend, ungesund und unökonomisch. Die tägliche Abspeisung der Klient*innen mit Brot, Dosenfleisch und Instantnudeln führt zu Unmengen an Dosen und Plastikmüll. Qualitativ minderwertige Lebensmittel an verstärkt krankheitsgefährdete Personengruppen auszugeben ist hochgradig fahrlässig. Warmes Essen und qualitativ hochwertige Ernährung sowie vegetarische Optionen sind Voraussetzungen für ein gesundes Leben.

Daher fordern wir:

  • Ein gesundes, warmes sowie auch ein vegetarisches Essensangebot in den Einrichtungen

  • Kochmöglichkeiten für unsere Klient*innen für mehr Autonomie bei Ernährungsentscheidungen

Unsere Arbeitsbedingungen

Die Interessen unserer Klient*innen sind eng mit unseren Interessen als Basismitarbeiter*innen der Winternot- und Wohnungslosenhilfe verschränkt. Mangelhafte Arbeitsbedingungen wirken sich auf die Qualität der Betreuung aus und fallen unmittelbar auf die Bewohner*innen der Notquartiere zurück.

Wir schätzen unsere Arbeit und könnten sie nicht machen, wenn wir nicht ein großes Maß an Leidenschaft dafür aufbringen würden – ein Umstand, auf den sich, wie uns scheint, die Institutionen, die Politik, die Gesellschaft, für die wir arbeiten, verlassen.

Der Charakter der Notlösung, der die Notquartierarbeit prägt, und die Nicht-Investition in den Ausbau des Angebots über die Mindestwohn- und Arbeitsstandards hinaus, zwingt uns immer wieder, in einem rechtlichen Graubereich zu agieren. Wir übernehmen Aufgaben, für die wir nicht ausgebildet sind, wie das Waschen von inkontinenten Klient*innen; architektonische Barrieren belasten unsere Klient*innen und uns selbst körperlich. Wir tun es trotzdem, um ein Mindestmaß an menschenwürdigem Miteinander zu gewährleisten.

Das Winterpaket ist maßgeblich durch die Konkurrenz verschiedener Trägerorganisationen geprägt. Die finanzielle Unterbietung bei den entscheidenden Verhandlungen mit dem Fördergeber führt nicht nur zu einer Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse, sondern ist auch bei den Nutzer*innen der Einrichtungen deutlich zu spüren. Dass die Stadt Wien sich auf die Flexibilität der Trägerorganisationen verlassen kann, erzeugt einen Umstand von Ungewissheit und Unsicherheit. Die kurzfristige Auftragsvergabe an die Trägerorganisationen und die kurzfristige Bekanntgabe über unsere Nicht-/Anstellung wird auf den Rücken der Basismitarbeiter*innen ausgeführt. Dass wir somit in prekäre Lebensverhältnisse gedrängt werden, erschwert unsere Lebensplanung.

Durch die alljährliche Fluktuation der Basismitarbeiter*innen, teils aufgrund der beschriebenen Unsicherheit, ergeben sich jährliche Neuzusammenstellungen der Teams. Dadurch geht wertvolle Erfahrung verloren. Gewachsene Strukturen sowie Vertrauensverhältnisse zerbrechen. Ohne das Wissen und die Erfahrung langjähriger Mitarbeiter*innen würde das Winterpaket jedoch nicht funktionieren. Dies ist für alle Beteiligten (Mitarbeiter*innen, Klient*innen, Hausleitung etc.) spürbar. Zudem wird soziale Vernetzung zwischen den Basismitarbeiter*innen erschwert. Die Möglichkeit zu unbefristeten Dienstverträgen würde für viele der Mitarbeiter*innen einen Ausweg aus der Prekarität darstellen.

Nachtdienste sind nachgewiesenermaßen eine physische und psychische Belastung. Dadurch entstehende Krankenstände können aufgrund mangelnder Ressourcen oft nicht kurzfristig nachbesetzt werden. Unterbesetzte Nacht- und Abenddienste führen zu einer Mehrbelastung der Kolleg*innen und einer schlechteren Betreuung unserer Nächtiger*innen. Unsere Arbeit ist Care-Arbeit und ist, wie andere Tätigkeiten im Care-Bereich, unterbezahlt. Nur unter besseren Arbeitsbedingungen können wir auch Menschen in Notquartieren besser betreuen. Kurzfristige Dienstübernahmen, sowie Wochenend- und Nachtzuschläge müssen trägerübergreifend honoriert werden.

Daher fordern wir:

  • Dass die Arbeitsbelastung durch Wochenend- und Nachtdienste endlich angemessen honoriert wird

  • Zuschläge für das kurzfristige Einspringen bei Ausfällen

  • Die Möglichkeit unbefristeter Dienstverträge

Unser Fazit

Wir empfinden es als unsere Pflicht und unser Recht, mehr zu fordern als ein soziales Provisorium, innerhalb dessen wir unsere Arbeit verrichten und unsere Klient*innen sich so gut es geht einfügen. Denn „Ein Zuhause ist mehr als ein Dach über dem Kopf“ (St. Elisabeth-Stiftung).

Obdachlosigkeit wird in der Öffentlichkeit und in Imagekampagnen der NGOs oft als Katastrophe dargestellt, auf die wie auf einen Notfall reagiert werden muss. Es handelt sich dabei jedoch um eine viel zu lange schon existierende und vermeidbare Ungerechtigkeit, die bekämpft werden kann und muss. Das erfordert ein grundlegendes Umdenken in der Gesellschaft. „Wir übernehmen Verantwortung“ (ASB) bedeutet eine klare öffentliche Positionierung der politischen Entscheidungsträger*innen für ALLE von prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen betroffenen Menschen.

In dem anti-sozialen Klima, das von der derzeitigen Regierung geschürt wird, mögen unsere Forderungen, die bis vor einigen Jahren noch selbstverständlich an einen Sozialstaat gestellt wurden, mittlerweile utopisch klingen. Umso mehr müssen wir darauf bestehen: lasst uns „Gemeinsam Wunder wirken“ (Caritas).

Wir fordern die Umsetzung unserer Forderungen, die wir für unsere Klient*innen und als selbst von prekären Lebensumständen betroffene Basismitarbeiter*innen stellen.

Wir fordern auch den Mut, sich nach außen hin für uns und unsere Klient*innen einzusetzen, das Menschenrecht auf soziale Sicherheit konsequent zu vertreten und sich dem öffentlichen Diskurs zu stellen – auch wenn dieser nicht immer der populärste oder angenehmste ist – denn „Mut > Angst“ (Caritas). Wir fordern die Überwindung von Wohnungslosigkeit und das Recht auf Wohnen. Unser Ziel ist nichts weniger als ein menschenwürdiges Leben für ALLE. „Aus Liebe zum Menschen – und zum Leben“ (WRK & Johanniter).

Solange Menschen jedoch in „anspruchsberechtigt“ und „nicht-anspruchsberechtigt“ eingeteilt werden, müssen wir die Forderung nach niederschwelligen Sommernotquartieren stellen!

Mit erwartungsvollen Grüßen,

Initiative Sommerpaket. Weil wir für Sie da sind.

Ein Zusammenschluss von Basismitarbeiter*innen
aus Notquartieren, Chancenhäusern und Tageszentren

2 thoughts on “Offener Brief an die Träger der Wohnungslosenhilfe”

  1. Kann der offene Brief auch an sympathisierende Journalist*innen weitergeleitet werden?

    Solidarische Grüße

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