Wie zuhause bleiben, wenn du kein zuhause hast?

Ein Text zur aktuellen Situation – wichtige Forderungen am Ende – wenn Du die Forderungen unterstützt: bitte verbreiten mit dem Zusatz “Ich/wir unterstützen die Forderungen”

 

Seit letzter Woche sind Veranstaltungen mit über 100 Menschen verboten, seit Montag sogar alle Versammlungen mit über 5 Personen. Nicht gedacht wurde da ganz offensichtlich an Refugees und Obdachlose, die in Sammelunterkünften untergebracht sind. Obdachlos gewordene Menschen müssen teilweise in Quartieren mit bis zu 200 anderen Nächtigenden schlafen, in der Früh raus und in eines der Tageszentren gehen, wo sie sich wieder mit hundert anderen Menschen auf engstem Raum aufhalten. Es wird empfohlen, dass ein Mindestabstand von 1 Meter zu anderen Menschen einzuhalten ist. Wie soll das in den Notquartieren funktionieren, wo Bett an Bett steht? Überall hört mensch die Empfehlung, zu Hause zu bleiben, doch wie sollst du zu Hause bleiben, wenn du kein Zuhause hast?

Superspreader*innen, sehr vulnerabel und trotzdem ignoriert

Obdachlose Menschen werden so, ob sie es wollen oder nicht, zu Superspreader*innen. Wegen den vielen unvermeidbaren Kontakten besteht das akute Risiko, dass sich der Virus unter Wohnungslosen schnell ausbreiten könnte. Davon sind auch wir als Mitarbeiter*innen besonders betroffen.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele der Nächtiger*innen zur Gruppe der besonders gefährdeten Menschen gehört. Sie haben einen geringen oder gar keinen Zugang zum Gesundheitssystem, obwohl die meisten sich in einem schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand befinden. Viele haben Vorerkrankungen, die in den meisten Fällen schlecht oder gar nicht behandelt werden. Eine beträchtliche Anzahl der obdachlosen Menschen ist über 60 Jahre alt. Unter diesen gesundheitlichen Bedingungen ist die Unterbringung von obdachlosen Menschen in überbelegten Mehrbettzimmern und unter schlechten hygienischen Bedingungen eine nicht zu verantwortende Zumutung.

Dennoch läuft der Betrieb im Winterpaket weiter wie immer. Es gibt keine ausreichende Aufklärung, es gibt keinen wirklichen Plan. Zu lange wurden Obdachlose ignoriert, warum sollten sie also jetzt beim staatlichen Krisenmanagement berücksichtigt werden?

Harte Zeiten

So stehen sie schon jetzt, auch ohne Infektion oder Verdachtsfall, vor schweren Herausforderungen. Viele Wege zu Geld zu kommen wie Straßenmusik, Zeitungsverkauf, Betteln oder illegalisiert arbeiten funktionieren in Zeiten der Ausgangssperre nicht mehr. Einige Suppenküchen haben bereits geschlossen. In den Notquartieren wurden ein paar Betten zu Quarantänebetten umfunktioniert. Ersatz für diese Betten gibt es keinen. Seit Montag müssen sie befürchten, bestraft zu werden, wenn sie sich in kleinen Gruppen durch die Stadt bewegen. In großen Gruppen im Quartier zu schlafen ist aber behördlicherseits kein Problem.

Ausnahmezustand?

Wir wissen, wir befinden uns gerade in einem Ausnahmezustand, in dem es darum geht, den Verlauf der Pandemie einzudämmen. Doch gerade im Umgang mit Wohnungslosen ist der Ausnahmezustand nichts weiter als eine Steigerung der Normalität. Bislang wurden Armut und Wohnungslose ignoriert, genauso passiert es jetzt – nur mit schwereren Konsequenzen. Wir als Initiative Sommerpaket haben letztes Jahr etwas mehr Menschenwürde sowohl für uns Basismitarbeiter*innen als auch für die Nächtiger*innen gefordert – und wurden ignoriert. Die geforderten Verbesserungen – kleinere Quartiere, gesünderes Essen und bessere Betreuung – wären gerade jetzt hilfreich gewesen. Sie reichen aber bei weitem nicht aus. Deswegen müssen wir uns mit neuen Forderungen an die Öffentlichkeit wenden.

Die Ignoranz muss endlich beendet werden! Es muss schnell gehandelt werden!

Die Initiative Sommerpaket fordert

Als Basismitarbeiter*innen stehen wir gerade noch mehr im Dauerstress und unter Dauerbelastung als wir uns je vorstellen konnten.

Bereits in den ersten Tagen der Krise machen sich in unseren Einrichtungen massive Personalengpässe aufgrund von zusätzlichen Erkrankungen und präventiven Freistellungen wegen Verdachtsfällen bemerkbar.

Während ein gesellschaftlicher Lockdown stattfindet, müssen und WOLLEN wir nach wie vor zur Arbeit. Wir fühlen uns für die Gesellschaft und unsere Klient*innen verantwortlich und überlegen, wie wir die Abläufe in unseren Einrichtungen verbessern können um einen möglichst sicheren und gesicherten Betrieb aufrecht zu erhalten.

Wir sehen, dass unsere Forderungen vom letzten Jahr nach einem “Sommerpaket” überholt sind, auch wenn die Umsetzung durch die Verantwortlichen uns wesentlich besser auf diese Krise vorbereitet hätte.

Wir fordern nicht nur einen ganzjährigen Betrieb der jetzt als “Winterquartier” eingerichteten Notschlafstellen. Neben einer Ausweitung auf den Sommer ist zusätzlich eine Ausweitung auf einen 24h-Betrieb notwendig.

Gerade jetzt ist es im Interesse ALLER, dass Menschen menschenwürdig untergebracht werden. Unsere Klient*innen sind untertags gezwungenermaßen auf der Straße unterwegs und haben keine entsprechenden Möglichkeiten, grundlegende Hygiene zu betreiben, um sich selber vor Ansteckung und andere vor Weitertragen des Virus zu schützen.

Während die Regierung schnell darin war, Hilfe im Volumen von mehreren Milliarden für die Wirtschaft auf den Weg zu bringen, hören wir bis jetzt noch nichts von Millionen oder gar Milliarden für Gesundheit, Pflege, Sozialbereich usw.

Was wir jedoch erleben, ist eine ungeahnte Welle der Solidarität in der Bevölkerung – Nachbar*innen schließen sich zusammen und unterstützen sich gegenseitig.

Obdachlose Menschen werden letztlich zu Risikoverhalten gezwungen. Ein Risiko, das sie als besonders gefährdete Gruppe massiv gefährdet. Was für alle gilt, gilt selbstverständlich auch für unsere Klient*innen: im Eigeninteresse und im gesellschaftlichen Interesse Ansteckung zu vermeiden. Wie wir alle wissen, kann der Virus nicht eingesperrt werden – das sind unwissenschaftliche autoritäre Phantasien. Nur Aufklärung und entsprechendes Verhalten können die Verbreitung eindämmen oder verlangsamen!

Daher FORDERN wir:

# SOFORT mehr Personal, bessere Schutzausrüstung und Schulungen/Informationen für uns!

# Transparenz, Mitsprachemöglichkeit und Einbeziehung der Expertise der Mitarbeiter*innen – ohne unser Wissen und unsere Kreativität ist ein Betrieb nicht möglich!

# Die Hotels, die gerade mit Millionen subventioniert werden, sollen als Unterkünfte für Wohnungslose und in beengten Wohnverhältnissen Lebende sowie von häuslicher Gewalt Betroffene geöffnet werden!

# Kostenlose und angemessene gesunde Verpflegung für alle, die Bedarf anmelden!

# Kein Einsatz des Bundesheeres für ordnungspolitische Maßnahmen – nur für logistische Unterstützung bei Transport und Aufbau von Infrastruktur etc. und unter Leitung ziviler Organisationen.

# Zugang für Menschen die auf der Flucht sind oder in Flüchtlingslagern eingesperrt sind zu Schutz und medizinischer Hilfe!

# Hilfe und Solidarität ungeachtet nationaler Grenzen – es muss für Menschen möglich sein was bei Banken problemlos klappt!

Außerdem erklären wir uns solidarisch mit

– den Forderungen unserer Kolleg*innen im Gesundheitsbereich: den Pfleger*innen, Reinigungspersonal, Ärzt*innen

– den Kolleg*innen, die in Handel und Infrastruktur so wichtige Arbeit leisten, um uns zu versorgen und die Gesellschaft am laufen zu halten

– den Kolleg*innen in Deutschland und Italien, die sich zu folgenden Initiativen zusammengefunden haben:

Kämpfen wir solidarisch gegen Corona und für unsere Interessen!

To our friends all over the world from the eye of Covid-19 storm

51 thoughts on “Wie zuhause bleiben, wenn du kein zuhause hast?”

  1. Es gibt auch viele leerstehende 2. und 3. Wohnsitze und leerstehende “airbnb”-wohnungen. Auch diese sollten obdachlosen Menschen und Menschen mit zu wenig Platz für ein sicheres und würdiges Leben zur Verfügung stehen.

  2. Ich unterstütze die Forderungen. Die Polizei in Wien verscheucht bereits aktiv obdachlose und bettelnden Menschen aus dem öffentlichen Raum.

  3. Ich unterstütze die Anliegen und Forderungen. Danke für die hervorragende inhaltliche Aufbereitung!

  4. Ich unterstütze diese Forderung!!!!
    Auch große Betriebe, Hotelketten usw. sollte Mithilfe abverlang werden. Nicht nur Nachbarschaftshilfe, sondern JEDER soll helfen!!!

  5. Jedenfalls unterstütze ich diese Forderungen.
    Wann wenn nicht jetzt umdenken und umhandeln?

  6. ich unterstütze die Forderung!
    Öffnet die Hotels für Menschen ohne Wohnung

  7. Obdachlose- die ewigen Vergessenen. Das passiert, wenn am Sprichwort “man ist seines eigenen Glückes Schmied” zu fest angehalten wird, denn die diskriminierenden Maßnahmen gelten als “Strafe” dafür, irgendwas im Leben “falsch gemacht” zu haben. Nur trifft diese Kollektivstrafe auch einen ganzen Haufen Unschuldige. Und Irren ist menschlich, deswegen soll niemand allein auf der Straße erfrieren nur wegen EINES mickrigen “Fehlers” im Leben!

  8. Ich unterstütze die Forderung. Ich war selbst jahrelang wohnungslos, hatte aber immer ein starkes soziales Netz. Ich weiß nicht, was Menschen jetzt in so einer Situation machen. Solidarisch sein sollte nicht nur bedeuten, Abstand voneinander zu halten um den Virus nicht zu verbreiten, sondern wirklich zu überlegen was sinnvolle Maßnahmen sind und aufeinander Acht zu geben.

  9. Bin für alle Vorschläge und Forderungen für Einsatz für Menschen, die unsere Hilfe brauchen.

  10. super sache – dann kann keiner mehr fragen “wo woar mei leistung” wenn gefragt wird wofür die millionen vom staat an die hoteliers geflossen sind!

    israel machts vor und öffnet die hotels schon wegen der corona krise!

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