Arbeitswelten unter Corona – Teil 3:

    Wir haben euch im letzten Newsletter gefragt, wie es euch in der Arbeit geht. Vier der sehr verschiedenen Antworten, die wir bekamen, wollen wir hier dokumentieren. Wir sind immer noch sehr gespannt auf eure Geschichten. Wenn ihr euch den Frust von der Seele schreiben wollt, oder sonstwas zu sagen habt, schreibt unter: sommerpaket@riseup.net

I. Burnout

Das große Thema bei uns im Team ist die Unterbesetzung. Das ist eigentlich ein altes Thema. Doch heuer ist es extrem: Jede Woche einspringen, dennoch ist jeder dritte Dienst unterbesetzt. Ab und zu geht es sich trotzdem nicht aus. Dann muss wer vom vorigen Dienst länger da bleiben. Beschwerden bei der Bereichsleitung bleiben ungehört.

Das Gefühl, dass das ganze Team langsam, aber sicher ausbrennt….

 

II. Arbeitsalltag unter Corona Wohnungslosenhilfe

Ich arbeite in einer Einrichtung für wohnungslose Menschen, zur Zeit kommen so zwischen 20 und 40 verschiedene Menschen zu uns, bekommen einen Schlafplatz in der Nacht, 3 Mahlzeiten unter Tag. Wie das ganze im März angefangen hat war die ganze Situation schon sehr verunsichernd. Es gab da den Virus, die Infekion und alle möglichen Spekulationen dazu und darüber was das bedeutet. Eine Grippe! Die größte Krise seit dem 2. Weltkrieg! Es kam ein Lockdown, die Straßen waren leer, meine KollegInnen und ich gingen wie viele andere weiterhin zur Arbeit. Einer wurde von der Polizei aufgehalten, die glaubte ihm nicht, dass er auf dem Weg zur Arbeit war, er rief den Chef an und der hat dan die Polizei überzeugt. Die Kommunikation über Maßnahmen von unserer Leitung glich am Anfang der ungewohnten Stille welcher wir auch außerhalb begegneten. Nach einem kurzen Verharren redeten wir in diese Stille hinein, miteinander. Wie geht es uns mit dieser Situation? Welche Maßnahmen wären wichtig, um unsere KlientInnen zu schützen? Welche, um uns zu schützen? Manchmal auch darüber wie zynisch es ist: Da draußen die erstarrte Welt. Hier drinnen das rege Leben vieler Menschen, ein so tun als ob hier in der Blase die Angst von draußen nicht eindringen könnte. Unsere Ideen habe wir weitergeleitet, anfangs geschah nichts, dann Stück für Stück, durch weiteres Insistieren, zäh aber doch eines nach dem anderen. Und wir haben ständig weitergeredet, und haben diese Situation gemeinsam bewältigt. 

Jetzt, sind viele der Dinge vom Frühjahr anders, das Erstarren, die Stille, haben mehr Platz gemacht einer Ungeduld, einem Raunen, ein wenig Hoffnung. Einiges was wir im Frühjahr erarbeitet haben ist nun selbstverständlich, FFP2 Masken, Plexiglasscheiben,… Ich habe den Eindruck, dass auch die Verunsicherung des Frühjahrs einem Umgang mit der Situation gewichen ist, welcher sich des Risikos dem wir in unserer Arbeit ausgesetzt sind, bewusst ist. Doch, jedes Mal wenn unsere Einrichtung getestet wird und keiner positiv ist, atmen alle auf. Vor allem vor Weihnachten wenn man sich doch entschieden hatte, die eigenen Eltern zu sehen.

Wir arbeiten mit vielen Menschen, KollegInnen und KlientInnen auf engem Raum zusammen, wir tragen den ganzen Tag FFP2 Masken, erinnern unsere KlientInnen ihre Masken aufzusetzten, wenn sie sie einmal nicht tragen. Wir isolieren positiv getestete Menschen, und führen Listen über K1-Personen, fragen Leute, ob sie gerade aus dem Ausland kommen um diese so sie auftauchen, dazu zu überreden mit der Rettung in Quarantäne zu fahren. Das ist schon so normal, dass man sich manchmal regelrecht daran erinnern muss den richtigen Abstand zu halten, dass dies bedeutet, dass eine “erhöhte Gefahr” der Ansteckung besteht. Manchmal trifft man auf KlientInnen welche aufgrund von Terminen pendeln, jetzt aber keinen Schlafplatz mehr haben können, da sie ja aus dem Ausland eingereist sind. Im Quarantänequartier heißt es dazu: Entweder Quarantäne oder Termine. Die schlafen dann auf der Straße, wir geben ihnen einen Schlafsack. Andere gehen gerne in Quarantäne: immerhin Einzelzimmer mit Fernseher, Zigaretten und Suchtkranke werden versorgt. 

Immer wieder hört man von Clustern in anderen Einrichtungen, man bekommt neue Listen, bekommt Gefahrenmeldungen zu positiv Getesteten und erinnert sich, die waren ja gerade vorgestern bei uns, da verliert man dann leicht einmal den Überblick und plötzlich sind fünf KollegInnen in Quarantäne.

Es geht sich nicht aus, die jetzige Situation zu verdrängen, da man mit ihr arbeitet – Menschen darauf angewiesen sind, dass man im Blick hat, was gerade passiert, dass man auch sich selbst im Blick hat, weil man auf jeden Fall Menschen nahe kommt.

Unsere KlientInnen gehören oft einer Risikogruppe an und halten sich in Massenquartieren auf, in welchen eben auch eine erhöhte Ansteckungsgefahr besteht, was sie sehr vulnerabel macht. Das alles ist oft eine Belastung welcher ich manchmal besser, manchmal schlechter begegnen kann. Wenn ich mich mit meinen KollegInnen darüber unterhalte geht es vielen ähnlich. Es ist trotzdem ein gutes Gefühl dieser Situation aktiv zu begegenen und auch ein Gutes, nicht alleine dazustehen.

 

III. weiterführende Gedanken

In der momentanen Pandemiebekämpfung gibt es meiner Meinung nach einige ganz grundsätzliche Gedankenfehler. Einer davon ist, dass Infrastrukturen, die für die Betroffenen eine gewisse Notwendigkeit im Alltag darstellen in ihrer Zugänglichkeit (zeitlich, räumlich, personell) eingeschränkt werden, ohne jedoch ausreichende Ausweichmöglichkeiten zu schaffen. Das gilt insbesondere für Angebote, die sehr niederschwellig sein sollten damit sie auch funktionieren. Dadurch entstehen einerseits “Flaschenhälse” wo sich Menschen stauen und dann erst recht anstecken. Manche nehmen das Angebot nicht mehr wahr und weichen um so mehr auf andere möglicherweise auch hinsichtlich der Pandemiebekämpfung nicht mehr zu kontrollierende (informelle) Strukturen aus. 

Einschränkungen können nur dann funktionieren, wenn man/frau davon ausgeht, dass das Angebot grundsätzlich oder teilweise entbehrlich ist für die Betroffenen. 

Natürlich läßt sich jetzt vortrefflich darüber streiten was alles entbehrlich ist für eine Gesellschaft. Was in dieser Offenheit in Österreich nicht ernsthaft getan wird – außer vielleicht in Wahnsinns-Social-Media-Kanälen (die nütze ich aber nicht, daher weiß ich das nur vom hören-sagen) – oder sehr einseitig durch die Regierung.

Wer die Pandemiebekämpfung ernst nimmt, aber zugleich nicht Verwundbare treffen – gewissermassen für die Erhaltung einer abstrakten Volksgesundheit opfern – will, muss einfach viel Geld, Mühe und Zeit in Anspruch nehmen, um zusätzliche Strukturen zu schaffen. Öffentliche Infrastruktur, ob ein Postamt, eine Notschlafstelle, eine Bildungseinrichtung (auch für Jugendliche), ein Altersheim, eine Klinik, ein sozialer Begegungsraum…. die räumlich, personell, auch technisch (z.B. durch moderne Lüftungssysteme) und finanziell ausreichend ausgestattet werden muss (damit sich auch genügend Leute finden, welche die dafür notwenig gewordenen Jobs machen). Damit sie, anstatt Menschen grundsätzlich oder teilweise abzuweisen, diese zeitlich und räumlich besser verteilen können. 

In manchen Kultureinrichtungen oder Schulen wurden viele solche Modelle umgesetzt, mit dem Erfolg dafür von der Politik durch diverse Lock-Downs bestraft zu werden. 

Für die Schaffung neuer und Erweiterung bestehender Infrastrukturen ist offenkundig ausreichend öffentliches Geld da gewesen (es wurde nur anders verwendet). Zeit hätten wir jetzt seit dem März 2020 auch schon genug gehabt (wobei auch schon vorher Informationen da waren, dass da eine Pandemie im Anrollen sein könnte). Und unendlich mühsam war die Pandemiebekämpfung wie sie bisher betrieben wurde ohnedies für alle Beteiligten. 

Ohne im Ergebnis sonderlich erfolgreich zu sein und mit einer noch nicht abzuschätzenden Menge an Opfern – die auch künftig gerade soziale Einrichtungen wie Notschlafstellen, Ausspeisungen, Sozialmärkte u.a. in Anspruch nehmen werden müssen. Die Verzögerungen bzw. Versäumnisse im Bereich des flächendeckenden Testens oder Impfens sind wahrlich nur die Spitze des Eisberges eines lang angetragenen und längst vorhersehbaren Versagens einer Regierung, aber auch einer Gesellschaft, die sich einerseits von Panik, autoritären und technokratischen Denkmustern und von Fachidiotie mit einer Hand voll – auf ein so endlos komplexes Ding wie Gesellschaft umgelegt – wenig aussagekräftige Parameter leiten hat lassen. Wenn ich einer Ideologie wie dem Thatcherismus huldige (“there is no such thing as society”) kann ich natürlich getrost so weitermachen.

Also statt zusperren – viel mehr aufsperren!

 

IV. Türsteher

Ich arbeite in einem der wenigen Quartiere, die noch Notnächtiger aufnimmt; wo also Menschen schlafen können ohne sich vorher einen Schein zu holen. Der Andrang ist ziemlich groß geworden, wir können bei weitem nicht alle aufnehmen. Manchmal müssen bis zu zehn Menschen in der Nacht abgewiesen werden. Meist, aber bei weitem nicht immer, gelingt es, einen anderen Schlafplatz zu organisieren. Dazu kommt ein strenges Besuchsverbot. Das ist zwar irgendwie verständlich, aber trotzdem gaga – es sind sowieso zu viele Menschen auf engen Raum. Ein echter Schutz ist da sowieso unmöglich. Das Ergebnis jedenfalls:

An manchen Tagen fühlt sich die Arbeit mehr an wie die eines Türstehers, wie eines Rauswerfers, und nicht wie die eines Sozialarbeiters, der Obdachlosen hilft.

 

Unsere vorherigen Artikel zu dem Thema:

Arbeitswelt mit Corona Teil 1

Arbeitswelt mit Corona Teil 2

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