Wir warten weiter auf Antworten…

Vor rund einem Monat wandten wir uns in einem Offenen Brief an die Verantwortlichen der Wiener Wohnungslosenhilfe – Sozialstadtrat, Fonds Soziales Wien (FSW) und die Trägerorganisationen. Anlass dafür waren verschiedene Problemlagen, mit denen wir in unserem Arbeitsalltag zu kämpfen hatten. Wir stellten Fragen zu den Corona-bedingten Entwicklungen und Maßnahmen. Auf die Antwort des FSW möchten wir in diesem Text eingehen und Stellung zu dessen Aussagen beziehen. Von den Verantwortlichen der Träger erhielten wir bisher keine Reaktionen. Im Antwortschreiben des FSW (namentlich Martina Plohovits und Kurt Gutlederer) wurde leider auf die meisten unserer Fragen nicht konkret eingegangen.

 
Information und Kommunikation
 
Ein Anliegen unseres Briefes war der mangelnde Informationsfluss und die fehlende Kommunikation mit der Basis, die unsere Arbeit erschweren. Der FSW verortet in seiner Antwort das Verfehlen in der Kommunikation bei den Trägerorganisationen. So heißt es: „Wir gehen demnach davon aus, dass es eventuell einen mangelnden Informationsfluss innerhalb der Organisationen gibt.“ Der Aufruf des FSW: „Des Weiteren möchten wir auch Sie auffordern, Informationen aktiv von Ihren Führungskräften und Arbeitgebern einzufordern und mit diesen in Dialog zu treten“, verkennt die Realität und ist der Versuch, die Verantwortung an die Basis zurückzuschieben. Denn von Beginn der Krise an organisierten wir uns in den Teams, um Informationen von unseren Hausleitungen und Bereichsleitungen einzufordern. Wir scheiterten jedoch immer wieder an den strukturellen Gegebenheiten. Die Art und Weise, wie Kommunikation in den hierarchischen Systemen dieser Institutionen organisiert ist, nehmen wir als ein massives Problem wahr. Wir sehen in der mangelnden oder verzögerten Informationsweitergabe zu Maßnahmen, Vorgehensweisen und Änderungen ein strukturelles Problem, das alle involvierten Ebenen betrifft – Stadt Wien, FSW und die Trägerorganisationen; sowohl zwischen den Institutionen als auch innerhalb dieser. Informationen werden bewusst gefiltert oder gehen auf ihrem Weg nach unten verloren. Was letzten Endes an der Basis ankommt sind nur noch Bruchteile, und diese unterscheiden sich von Einrichtung zu Einrichtung. Diese isolierten Informationen und der Kontext, in dem sie stehen, sind für uns oft nicht mehr nachvollziehbar. Unsere Arbeit wird dadurch merkbar erschwert.
Wir sehen die Notwendigkeit einer Evaluierung dieser Strukturen und einer Evaluierung des aktuellen Krisenmanagements in der Wiener Wohnungslosenhilfe. Das Versagen allein auf die Träger zu schieben greift eindeutig zu kurz und ist ein Wegschieben der Verantwortung, das wir nicht akzeptieren wollen.
 
Mangelhafte Angebote gefährden die Gesundheit
 
Viele der Probleme in unserem Arbeitsalltag betreffen die Grundversorgung – gerade in Bezug auf die Qualität des Angebots. In der Antwort des FSW ist zu lesen, dass laut seines Monitoring die Gesamtkapazitäten erhalten werden konnten. Genannt wird die irreführende Zahl von 7.600 Plätzen in der Wohnungslosenhilfe, die bereits einen Tag nach Veröffentlichung unseres Briefes in die Medien gesetzt wurde. Die Summierung von Plätzen in Notquartieren, Tageszentren, betreuten Wohneinrichtungen, mobiler Wohnbegleitung etc., durch die eine Zahl wie 7.600 zustande kommen kann, ist fachlich nicht zu rechtfertigen und irreführend.
Dem Umstand, dass der rein technische Blick auf Zahlen den FSW zu dem Schluss kommen lässt, die Versorgung sei ausreichend, müssen wir auch hier eine Eindimensionalität attestieren. Denn in Hinblick auf die Qualität der Angebote zeigt sich ein deutlicher Verbesserungsbedarf.
 
Wir stellen in unserem Arbeitsalltag fest, dass das Angebot nicht dem entspricht, was gebraucht wird. Große Massenquartiere mit schlechten baulichen Voraussetzungen entsprachen schon vor Ausbruch des Virus nicht dem Bedarf. Und insbesondere jetzt fürchten sich viele der Klient*innen in solchen Einrichtungen vor einer Ansteckung durch das Virus. Bei Zuweisung in abgelegene große Massenunterkünfte nehmen manche Menschen dieses Angebot nicht wahr, die Plätze bleiben leer. Die offiziellen Zahlen zeigen also trotz hoher Auslastung an, dass das Angebot zahlenmäßig ausreicht. In der Praxis fragen jedoch Menschen verstärkt um Notbetten bei anderen Häusern an. Notbetten gibt es aufgrund der Corona-Krise zur Zeit aber kaum welche – als Alternative bleibt nur die Straße. Besonders Notschlafplätze für Frauen betreffend stellt dieser Mangel ein besonders gravierendes Problem dar.
Das Notquartier GZW Pavillon 8 ist genau ein solches Massenquartier. Dort wurde nun tatsächlich ein Mensch positiv auf das Coronavirus getestet. Das massive Gesundheitsrisiko, das solche Massenunterkünfte darstellen, zeigt sich jetzt während der Krise besonders deutlich. Aber auch in Zeiten abseits des Coronavirus erfüllen sie nicht das Recht auf Privatsphäre und stellen für viele Nutzer*innen eine enorme psychische Belastung dar. Wir Basismitarbeiter*innen merken das täglich in unserer Arbeit, die zu einem guten Teil aus Konfliktmanagement und Krisenbewältigung besteht. Dass solche Umstände für viele wohnungslose Menschen den Lebensalltag darstellen ist nicht tragbar und entbehrt jeglicher Menschenwürde.
 
Zusammenfassend stellen wir fest…
 
Wir schließen daraus, dass die Handhabung der Krise in der Wiener Wohnungslosenhilfe nicht ausreichend gut funktioniert hat. Anzuerkennen ist, dass rasch Umstrukturierungen vorgenommen wurden, wie die Verlängerung des Winterpakets und die Umstellung auf den 24h-Betrieb. Hier wurden plötzlich Gelder freigemacht, die es abseits der Krise nicht zu geben scheint. Trotz aller Anstrengungen von Seiten des FSW und der Träger ist aber erkennbar, dass die getroffenen Maßnahmen in vielerlei Hinsicht nicht weit genug gehen oder an falscher Stelle ansetzen. So müsste ein Angebot, das sich an den Bedarfen der betroffenen Menschen orientiert, viel kleinere Unterkünfte und höhere Standards vorsehen, um ein Mindestmaß an Sicherheit für die Gesundheit zu garantieren. Und zwar nicht nur als dringende Maßnahme in der jetzigen Gesundheitskrise, sondern auch abseits davon. Die bekannten Fälle in Bergheim, Traiskirchen, Erdberg und nun GZW Pav. 8 hätten durch die rechtzeitige Umstellung auf kleinere Unterkünfte verhindert können. Leerstehende Hotels stellen als ad hoc Maßnahme in dieser Hinsicht nach wie vor die beste Option dar. Zwangsevakuierungen, wie in Erdberg geschehen, dürfen nicht passieren, da sie Menschen auf eine zu bewegende Masse reduzieren. Genau dieser Umgang enthält Menschen einen respektvollen Umgang mit ihrem Leben vor und verursacht große Verunsicherung und Panik. Dass sich manche Menschen angesichts einer solchen Vorgehensweise aus Angst zur Flucht aus den Quartieren entscheiden, sollte nicht verwundern.
 
Der von uns kritisierte mangelnde Informationsfluss und die Fehlstruktur in der Kommunikation sind Folge einer hierarchisch angeordneten Arbeitsweise der Stadt Wien und der Träger. Dem Ausschluss der Basis aus der Kommunikation muss entgegengewirkt und neue verbindliche Strukturen, die auch den Informationsfluss von unten nach oben garantieren, müssen geschaffen werden. Wir Basismitarbeiter*innen sollten die Informationen nicht erst einfordern müssen, die wir für unsere tägliche Arbeit brauchen!
 
Zuletzt bleibt noch die Diskrepanz in der Selbstdarstellung des Fonds Soziales Wien und mancher Trägerorganisationen im Umgang mit der Krise und der von uns erlebten Realität im Arbeitsalltag zu erwähnen. Hier zeigt sich wieder einmal, wie sehr die mediale Außendarstellung in der Öffentlichkeit sich vom tatsächlichen Umgang mit den Menschen – Betroffenen und Angestellten – unterscheidet. Eine reflektierte und selbstkritische Haltung seitens der Verantwortlichen können wir leider genauso wenig erkennen, wenn wir die Reaktion des FSW auf unseren offenen Brief lesen. Schuldzuweisungen an andere und die Verbreitung von Fantasiezahlen zur Verschönerung der Verhältnisse entsprechen nicht einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Kritik an Strukturen, von denen letzten Endes Menschen betroffen sind.
 
 
Die Verantwortlichen sind uns noch immer Antworten schuldig…

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