Offener Brief der “Gudis” an Sozialstadtrat Hacker

An dieser Stelle wollen wir den Offenen Brief veröffentlichen, den die Kolleg*innen der Gudi an Sozialstadtrat Peter Hacker geschrieben haben. Anlass waren seine Facebook-Postings, in denen er die Schließung argumentiert und schwere Vorwürfe gegen die Kolleg*innen erhebt.  Peter Hacker ist auch dazu eingeladen, sich persönlich auf der Demonstration zu äußern. Wir hoffen, dass dieses Schreiben vielen Leser*innen vermittelt, was es bedeutet in einem Bereich zu arbeiten, welches das letzte Auffangnetz vor der Straße ist.

 

»Lieber Peter Hacker!

Wir, die Mitarbeiter*innen des Notquartiers Gudrunstraße, wollen mit diesem Brief auf Ihre Aussagen und Unterstellungen, die Sie uns über Facebook übermittelt haben, antworten. Mit diesem Schreiben nehmen wir konkret Bezug auf die Anschuldigung, dass wir in Ihren Augen auf dem Rücken der Klienten bessere Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter*innen aushandeln würden.

Dazu sei folgendes gesagt: Grundsätzlich sind unsere Arbeitsbedingungen und die prekäre Situation der Klienten nur sehr schwer voneinander trennbar. Überhaupt kann Ihre Aussage von uns nur als zynisch empfunden werden. Dazu müssten Sie als Person in einer Machtposition wissen, dass obdachlose Menschen keinerlei Plattform geschweige denn Lobby besitzen. Unser Arbeitskampf lenkt den Blick auf deren prekäre Lebenssituation und Probleme, welche sonst oft ungesehen und unbeachtet bleiben. Die Mehrheit hat keinerlei Zugang zu Sozialleistungen in Österreich, da es sich in der Regel um nicht anspruchsberechtigte EU-Bürger*innen handelt. Oft ausgebeutet und ausgezehrt von einem neoliberalen System in ihren Heimatländern und schließlich auch hierzulande, stranden sie in unserem Notquartier. Nach dem vom FSW an uns kommunizierten Auftrag sind wir weder für ihre Probleme zuständig, noch sollten wir ihnen einen dauerhaften Schlafplatz anbieten, an dem sie sich sicher und geschützt fühlen können. Unser von ihnen formulierter Auftrag lautet: „warm, satt und sauber!“, mehr sollen und dürfen wir genau genommen nicht leisten. Dabei wird allerdings vergessen, dass zu einem menschenwürdigen Leben mehr als eine warme Mahlzeit und ein Bett in einem Mehrbettzimmer gehören. Ihnen in diesem System der Elendsverwaltung ein Stück Würde, zumindest etwas Schutz in der Corona-Pandemie und einen noch so prekären Zugang zu medizinischer Versorgung anzubieten, bedeutet schon, dass wir unseren Arbeitsauftrag verletzen.

Besonders in dieser Krise ist uns und den Klienten klar geworden, wie wenig Beachtung ihrer und unserer Situation von den Verantwortlichen geschenkt wird. Unser Auftrag war es, schlechte Nachrichten in Form von Kältetoten in einer Stadt mit einer reichen sozialen Geschichte (“Rotes Wien”) und den Ruf als einer der lebenswertesten Städte der Welt zu verhindern, ohne dabei den Betroffenen Rechte zuzugestehen. Von einer menschenwürdigen Behandlung/ Unterbringung oder einem auch nur annähernden Einlösen des Menschenrechts auf Wohnen, kann unter diesen Umständen nicht gesprochen werden. All das war uns schon immer bewusst, und wir waren nie glücklich mit dieser Situation, in der wir letzten Endes lediglich Armutsverwalter*innen sind. Ihnen als Sozialdemokraten, langjährigen Geschäftsführer des FSW und nunmehrigen Sozialstadtrat Wiens, sollten diese Tatsachen bekannt sein.

Für ein besseres Verständnis unserer Situation möchten wir auf das vergangene Jahr zurückblicken. Als bereits vor über einem Jahr die Covid19-Pandemie ausbrach, waren wir und die Nächtiger unserer Einrichtung dieser Gefahr ohne Schutzmaßnahmen und ohne ausreichende Schutzausrüstung ausgesetzt. Bereits damals sahen wir uns mit dieser Situation im Stich gelassen. Der Betrieb wurde zwar auf eine 24-Stunden Betreuung umgestellt – was wir auch unabhängig von der Covid-19-Pandemie als notwendig erachten. Die plötzliche und unkoordinierte Umstellung führte jedoch zu zusätzlicher Belastung und Problemen im Team. Damit waren wir in der Wohnungslosenhilfe und im Sozialbereich im Allgemeinen nicht allein. Dieser fahrlässige Umgang kann mit der durch die Pandemie bedingte Überforderung der Entscheidungsträger*innen und dem Bedarf einer akuten Lösungsfindung erklärt werden. Fassungslos blieben wir jedoch mit der Entscheidung zurück, dass beinahe alle Quartiere des Winterpakets nach einer 3-monatigen Verlängerung bis August inmitten einer Pandemie geschlossen wurden. Machtlos mussten die Klienten und wir die Entscheidung hinnehmen und konnten nur darauf hoffen, dass der Fonds Soziales Wien vorbereiteter in das nächste Winterpaket starten würde. Doch leider mussten wir im Herbst feststellen, dass in den zwei Monaten “Sommerpause” bis Mitte Oktober nichts unternommen wurde, um sich auf die bestehende Krise vorzubereiten. Weder wurden die seit Jahren dringend notwendigen Sanierungsarbeiten umgesetzt, noch wurde die Anzahl der Betten in einem ausreichenden Maß reduziert, um minimale Abstandsregeln einhalten zu können. Auch für ein zusätzliches Angebot an Schlafplätzen, um der Covid19-Pandemie gerecht zu werden, wurde nicht gesorgt. Die seit Jahren bestehende Unterbesetzung von Mitarbeiter*innen in Notquartieren, wurde während der Corona-Krise ebenso einfach weitergeführt. Ein neuer und notwendiger Krisenplan angepasst an die Pandemie wurde nicht vorgenommen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Corona-Cluster in unserer Einrichtung kommen würde. Aufgrund der mangelnden Schutzmaßnahmen erkrankte fast die Hälfte der Klienten. Kontaktpersonen wurden teilweise nicht mehr abgesondert, weil die Quarantäne-Einrichtungen überfüllt waren und das notwendige Personal fehlte. Die Unterbesetzung und die Befürchtung, Kolleg*innen oder Klienten mit Covid-19 zu infizieren, führte in unserem Team zu einer massiven Belastung und Erschöpfung bis hin zu Burnout. Zu guter Letzt erkrankten 6 Kolleg*innen an Covid-19. Es gab Phasen, in denen wir die grundlegenden Bedürfnisse der Nächtiger nicht mehr decken konnten. Ein trauriger Zustand für uns und noch mehr für die betroffenen Bewohner. Sie können uns glauben, dass uns jeder Klient am Herzen liegt. Das kann von der aktuellen Politik leider absolut nicht behauptet werden. Fakt ist, dass der Fonds Soziales Wien wie auch der Arbeiter-Samariter-Bund uns Kolleg*innen und Klienten sehenden Auges in diese katastrophale Situation hineinlaufen ließen und somit ihrer Fürsorgepflicht nicht nachgekommen sind. Seit Monaten begleitet uns das Gefühl, dass den Hauptverantwortlichen die physische und psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen und der Bewohner egal ist.
Uns zu unterstellen, dass wir die Situation obdachloser Menschen ausnutzen würden, um uns bessere Arbeitsbedingungen zu verschaffen, sehen wir als Diffamierung mit dem Ziel, unserem Protest durch die Unterstellung von Egoismus die Glaubwürdigkeit zu nehmen. Wir lehnen uns MIT und FÜR die Klienten gegen die durch Ihre Entscheidungen hervorgerufenen desaströsen Zustände auf!

Außerdem möchten wir auf weitere Argumente, welche Ihrer Meinung nach, die Schließung des Notquartiers rechtfertigen, Bezug nehmen.
Erstens möchten wir über das Argument der mangelnden Auslastung des Winterpakets, welches von Ihnen und auch anderen Seiten immer wieder erwähnt wird, sprechen. Angeblich gehe die Auslastung bedingt durch steigende Temperaturen zurück und eine Schließung von Notquartieren sei deswegen gerechtfertigt. Wir wissen nicht, auf welchen Zahlen diese Aussage basiert oder ob Sie sich diese für Sie gut klingende Unwahrheit selbst zurechtgelegt haben. Wir können aber anhand unserer internen Anwesenheitslisten feststellen, dass die Auslastung des Notquartiers Gudrunstraße letztes Jahr während der Verlängerung von Mai bis August immer nahezu 100 % betrug. Auch im vorhergehenden Winterpaket im Jahr 2018/2019 waren wir bis zur Schließung im April immer voll ausgelastet. Speziell durch diese Verlängerung des Winterpakets im letzten Jahr konnten wir beobachten, dass sich einige Klienten stabilisieren und erste Schritte aus dem Notquartiers-System machen konnten – eine Entwicklung, die den Bewohnern mit der Schließung genommen wird. Falls, wie vom FSW behauptet, die Auslastung des Winterpakets wirklich nur 90 % betragen würde, stellen wir uns die Frage, warum dieser Umstand nicht dafür genutzt wird, geeignete Schutzmaßnahmen umzusetzen – wie zum Beispiel eine geringere Bettenanzahl pro Zimmer. Anstatt in allen Notquartieren mehr Platz zum Schutz von obdachlosen Menschen zu schaffen, schließen Sie ein Notquartier mit 70 Plätzen. Diese 70 Menschen, die aufgrund ihrer prekären Lebenssituation, chronischer Krankheiten und mangelnden Zugang zur Gesundheitsversorgung, oft Hochrisikogruppen angehören, sind in Folge erneut dazu gezwungen in überfüllten Massenquartieren zu schlafen, oder aufgrund des fehlenden Angebots im schlimmsten Fall auf der Straße.
Es ist eine Binsenweisheit, dass Corona nicht nur eine medizinische, sondern auch eine soziale Krise ist.  Mit Anfang April liefen die Stundungen für Mietschulden ab. Eine ganze Welle von Räumungen ist zu befürchten. In den Notquartieren können diese Menschen jedoch keine Aufnahme mehr finden, wenn sie bereits voll sind. Hier zeigt sich beispielhaft die Widersinnigkeit dieses Systems: Notquartiere sind für Menschen in Not! Wenn diese aber laut Zielvorgabe zu 100% ausgelastet sind, können sie nicht mehr für zusätzliche Menschen, die sie benötigen würden, zur Verfügung stehen, sondern nur noch für diejenigen Menschen, die dort bereits einen Schlafplatz gefunden haben. Ein Notquartier-System mit 100% Auslastung ist folglich ein Widerspruch in sich – das gilt umso mehr inmitten einer sozialen Krise!

Außerdem möchten wir Ihre Aussage bezüglich der notwendigen Renovierungsarbeiten richtigstellen. Das Notquartier Gudrunstraße wird seit Herbst 2015 vom Arbeiter-Samariter-Bund betrieben. Es hat bis zum Ausbruch der Pandemie 85 Menschen einen Schlafplatz geboten. Die mangelhafte und renovierungsbedürftige Infrastruktur wurde von Beginn an ignoriert. 85 Klienten mussten sich 4 schimmlige Duschen teilen und in Zimmern mit bis zu 8 Betten schlafen. In den Zimmern standen ihnen außer ihren Betten weder ein Stuhl, noch ein Tisch oder ein Schrank zur Verfügung. Zum Konsumieren der Mahlzeiten diente ihnen nur ein Gemeinschaftsraum mit 3 Tischen. Trotz einer Umstellung auf einen 24-Stunden Betrieb, der Ausgabe warmer Mahlzeiten und einer dadurch bedingten zusätzlichen Beanspruchung, wurde diese mangelhafte Ausstattung nicht erneuert oder ergänzt. Ja, es stimmt, dass Renovierungs- und Adaptierungsarbeiten notwendig sind, aber um diese durchzuführen gab es in den letzten Jahren bereits genügend Möglichkeiten, welche nicht wahrgenommen wurden. Diese notwendigen Arbeiten, in denen es vor allem um mehr Sanitäranlagen, die Wartung der Liftanlage, Reparatur der Brandschutztüren und mehr Mobiliar handelt, sind aber auch während eines laufenden Betriebs möglich. Außerdem wissen wir, dass es in anderen Einrichtungen des Winterpakets ähnliche Probleme gibt. Der schlechte bauliche Zustand ist eine direkte Folge der prekären Ausschreibung. Wenn immer wieder nur Quartiere für einen Zeitraum von 6 Monaten gesucht werden, ist klar, dass sich nur solche finden werden, für die es keine bessere Verwendung gibt. Würde es Ihnen also tatsächlich um eine bessere Infrastruktur und nicht nur um PR gehen, müssten Sie zuallererst dauerhafte, ganzjährige Unterkünfte schaffen!

Ein weiteres Ihrer Argumente, welches für uns an Respektlosigkeit und Unverständnis nicht zu überbieten ist, lautet, dass ein ganzjähriges Angebot für Klient*innen des Winterpakets deren Wohnungslosigkeit verfestigen würde.  Uns würde interessieren auf welchen Studien Ihre in unseren Augen aus der Luft gegriffenen Feststellung basiert. Wir können aufgrund unseres Wissens, unserer Erfahrung und unserer Beobachtung nur das Gegenteil feststellen. Ein durchgehendes Betreuungsangebot hilft obdachlosen Menschen ihre Lebenssituation zu stabilisieren, und eine durchgängige sozialarbeiterische Anbindung ermöglicht es, weitere notwendige Schritte für einen Weg aus der Obdachlosigkeit zu setzen. Durch eine wiederholte Unterbrechung der Betreuung wird Obdachlosen nicht geholfen, im Gegenteil, gerade diese Unterbrechungen führen zu der von Ihnen behaupteten Verfestigung der Wohnungslosigkeit und Prekarität. Falls Sie immer noch gegenteiliger Meinung sind, so wollen wir sie herzlich einladen, eine Woche in der „Gudi“ zu schlafen. Sie müssten das Zimmer mit bis zu sieben wildfremden Personen teilen. Selbst wenn es dabei zu keinen Konflikten kommt, müssten sie nächtliche Ruhestörungen ertragen. Das Essen können sie nur auf dem Bett einnehmen, Tische gibt es dafür nicht. Die dadurch entstehende Verschmutzung haben Sie klaglos zu akzeptieren. Wir können uns nur wiederholen: Das Angebot des Winterpakets ist ein absolutes Minimum und alles andere als ein Anreiz, obdachlos zu bleiben. Trotzdem kann eine Unterbrechung der Betreuung und der dadurch entstehende Verlust selbst dieser elementarsten Sicherheit zu erneuten schwerwiegenden Krisen führen. Deswegen, wir wiederholen uns: Schaffen Sie endlich dauerhafte Unterkünfte!

Zwei Dinge haben wir mit unserem Streik klar gemacht: Erstens nehmen wir die Schließungen und Einsparungen im Sozialbereich, besonders wenn es um obdachlose Menschen geht, nicht länger hin. Wir zeigen dem FSW und letztlich auch der Politik dahinter, die rote Karte: „Schluss mit der prekären Situation!“ Wohnen und medizinische Versorgung muss für alle Menschen gewährleistet werden. Solange dem nicht so ist, sind niederschwellige Angebote, wie jenes des Winterpakets, das Allermindeste, dass die Stadt Wien für obdachlose Menschen tun kann. Wir brauchen sicherlich nicht weitere Kürzungen von Schlafplätzen und Schließungen von Einrichtungen, sondern genau das Gegenteil davon muss stattfinden. Zweitens haben wir gezeigt, dass Demonstrieren und Streiken im Sozialbereich nicht nur möglich, sondern notwendig ist. Wir fordern eine lückenlose und ganzjährige Grundversorgung für obdach- und wohnungslose Menschen, mit fairen Arbeitsbedingungen und einer angemessenen Entlohnung für Systemerhalter*innen.

Daher weisen wir, die Mitarbeiter*innen des Notquartiers Gudrunstraße, Ihren Vorwurf aufs Schärfste zurück.  Wir laden sie aber herzlichst zum Gespräch auf unserer Kundgebung am Rathausplatz am 9. April 2021 ein. Leider sind sie unserer letzten Einladung am 17. März 2021 nicht gefolgt. Wir hätten es sehr begrüßt.

Mit kämpferischen Grüßen
Die Mitarbeiter*innen des Notquartiers Gudrunstraße «

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